Hi,
für alle Ökonomen unter euch sicherlich interessant:
Im Alter von 52 Jahren schmiss Paul Feldman seinen Job als Ökonom für ein militärisches Forschungsinstitut hin und begann, Bagels zu verkaufen. Er belieferte frühmorgens gegen 140 Firmen mit frischer Ware, deponierte diese im Pausenraum und stellte eine kleine Kasse auf, in die jeder einen Dollar pro Bagel einwerfen sollte. Kurz vor Mittag kehrte er zurück, um das Geld und die überzähligen Backwaren wieder abzuholen. Seine Ökonomenfreunde hielten ihn für vollkommen verrückt, denn er vertraute darauf, dass die Leute bezahlten.
Da Feldman auch als Bagelverkäufer seine Leidenschaft für Zahlen nicht verlor, war dies der Anfang eines der interessantesten Experimente darüber, wie ehrlich Bürolisten und Manager sind. Auch wenn die Wirtschaftskriminalität seit dem Ausbruch der Finanzkrise wieder ins Blickfeld gerückt ist, gibt es im Gegensatz zu Strassen- oder Gewaltdelikten bisher kaum gesicherte Zahlen und Studien darüber. Der Grund: Wir hören in der Regel nur von den seltenen Fällen, in denen jemand erwischt wird, und auch die Opfer sind weniger genau identifizierbar: Wen genau haben die Investmentbanken denn mit dem Handeln von verschachtelten Wertpapieren betrogen? Angesichts des Untergangs des klassischen Wallstreet-Bankers ist überhaupt unklar, wer eigentlich wen über den Tisch gezogen hat.
Der amerikanische Wirtschaftsprofessor Steven D. Levitt und der Journalist Stephen J. Dubner haben Feldmans Daten 2005 für den Laien ausgewertet, aber mit der Krise haben ihre Erkenntnisse eine neue Aktualität gewonnen. Levitt und Dubner widerlegen das Klischee des gewissenlosen Anzugträgers, der im modernen Grossbetrieb nur noch für sich schaut und nicht davor zurückschreckt, andere übers Ohr zu hauen. Selbst ein anonymer Bagelverkäufer wie Feldman konnte sich darauf verlassen, dass gegen neunzig Prozent seiner 8400 Bagels bezahlt wurden, die er jede Woche lieferte. Firmen, die eine höhere Zahlungsrate hatten, betrachtete er als «ehrlich», zwischen achtzig und neunzig Prozent war «ärgerlich, aber tolerierbar», nur wenn ein Unternehmen regelmässig weniger als achtzig Prozent bezahlte, hinterliess er einen belehrenden Zettel über die schlechte Zahlungsmoral. Praktisch nie wurden seine kleinen Kassen gestohlen.
Nach ein paar Jahren verdiente Feldman als Bagelverkäufer ebenso viel wie zuvor als Ökonom im mittleren Management. Minutiös zeichnete er die Bewegungen in seiner Bagelkasse auf. Gutes Wetter verbesserte die Zahlungsmoral klar, während Feiertage wie Weihnachten, die teuer und anstrengend zu werden drohten, sie verschlechterten. Kleinere Firmen und solche mit gutem Arbeitsklima zahlten mehr als die grossen respektive die Unternehmen, in denen die Stimmung der Mitarbeiter im Keller war. Und mit zunehmender Hierarchie wurde mehr betrogen (vielleicht ging das obere Management davon aus, dass Gratis-Bagels zu ihrem Kompensationspaket gehörten).
Überrascht hat die Ökonomen Levitt und Dubner vor allem, dass die Ehrlichkeit der Leute zunahm, als die Zeiten härter wurden. Nach dem 11. September 2001 schnellte Feldmans Zahlungsrate in die Höhe. Konkret: Die Zahl der nicht bezahlten Bagels ging um ein Sechstel zurück. Die Abnahme der Bagel-Diebstähle korrelierte auch mit der Zunahme der lokalen Arbeitslosigkeit: Je höher diese war, desto ehrlicher waren seine Kunden. Levitt und Dubner führen dies unter anderem darauf zurück, dass die Leute in schlechten Zeiten mehr Empathie für ihre Mitmenschen aufbringen als in guten. Die Erklärung von Feldman selber war weniger herzerwärmend: In einer Krise steige die Qualität der Belegschaft, da die Unternehmen in Bezug auf ihre Anstellungen wählerischer würden.
Grundsätzlich aber, so ergab Feldmans über zwanzig Jahre dauerndes Experiment, sind die Leute am Arbeitsplatz erstaunlich ehrlich. Wenn man bedenkt, wie klein ihr Risiko ist, beim Bagel-Diebstahl erwischt zu werden.
Die gute Nachricht in diesen zusehends schlechten Zeiten ist also: Selbst im Haifischbecken des Büros verhalten wir uns selten so kalkuliert und egoistisch, wie wir könnten. Es ist wie beim Trinkgeld, dem Beispiel ausserhalb des Büros, das der Harvard-Professor und Lehrbuchautor Greg Mankiw gerne anführt. Wenn wir Taxi fahren oder ins Restaurant gehen, geben wir in der Regel mehr Trinkgeld, als wir müssen. Dafür mag es in der Stammkneipe, wo wir auf den Goodwill des Personals angewiesen sind, handfeste Gründe geben. Aber ökonomisch gesehen ist es ein Rätsel, wieso wir dem Taxifahrer, den wir mit grosser Wahrscheinlichkeit nie mehr sehen, aus reiner Freundlichkeit ein Trinkgeld offerieren.